Themenfeld Sozialer Zusammenhalt

Was bedeutet sozialer Zusammenhalt?

Sozialer Zusammenhalt ist der Kitt, der eine Gesellschaft lebenswert erhält und ihr Überdauern als eine freie und zugleich solidarische Gemeinschaft sichert. Die Vorstellung, ein humanes Zusammenleben sei grundsätzlich möglich, beruht auf der Annahme, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist. Diese Anlage setzt sich indes nicht automatisch in positives Sozialverhalten um. Vielmehr bedarf sie der Förderung, Selbstreflexion und Anleitung. Diese anthropologisch begründete, d.h. aus einem natürlichen Menschenbild hergeleitete Lebensregel prägt seit der Antike die Soziallehre und auch Vorstellungen vom „guten Regieren“ bis in unsere Gegenwart.

Der Begriff sozialer Zusammenhalt ist erkennbar moralisch aufgeladen. Er setzt darauf, dass menschliches Zusammenleben durch Einfühlungsvermögen („Empathie“) und soziale Verträglichkeit erträglich gestaltet werden kann. Daher werden diese Eigenschaften in Gestalt des Leitbildes sozialer Zusammenhalt für allgemein verpflichtend erklärt.

Sozialer Zusammenhalt lässt ebenso Räume für Individualität: Hierzu gehören selbstbestimmte Lebensgestaltung und persönliche Autonomie. Wohlverstandene individuelle Freiheiten sind eingebettet in solidarische Lebensbezüge. So tragen sie dazu bei, dass die allgemeine Anerkennung von sozialem Zusammenhalt in der Gesellschaft abgesichert wird.

Der Verpflichtungscharakter, der in dem Begriff sozialer Zusammenhalt mitschwingt, erklärt sich aus der permanenten Erfahrung, dass die gesellschaftliche Realität häufig ganz anders aussieht: Eigensucht und soziale Kälte, ungleich verteilte Lebenschancen und inhumane Verhaltensweisen waren und sind im Alltagsleben allgegenwärtig. Der Begriff sozialer Zusammenhalt ist dazu ein programmatischer Gegenentwurf. Er drückt die wertbezogene Absicht aus, dem Auseinanderdriften der Gesellschaft und der Gefahr ihrer inneren Zementierung in ein Oben und ein Unten entgegenzuwirken.

Um das Leitziel sozialer Zusammenhalt in der gesellschaftlichen Praxis zur Geltung zu bringen, bedarf es sowohl staatlicher Steuerung als auch sozialer Selbststeuerung. Einesteils obliegt es staatlichen bzw. kommunalen Einrichtungen, bestehende Regeln des Rechts- und Sozialstaats umzusetzen. Eine solcherart korrigierende und intervenierende „Organgewalt“ ist auch deshalb erforderlich, weil sich sozialer Zusammenhalt nach aller Erfahrung nicht von selbst ergibt. Anderenteils sind Foren und Formen zivilgesellschaftlicher Selbstregelung wichtig und unverzichtbar.

Sozialer Zusammenhalt beschreibt jedoch nicht nur eine sozialmoralische Standortbestimmung, sondern außerdem einen empirischen Sachverhalt, welcher den tatsächlichen Zustand der Gesellschaft abbildet.  Die Beschreibung und Analyse dieses Zustands erfasst strukturelle und kulturelle Aspekte. Unter „Struktur“ fallen Institutionen (z.B. kommunale Gebietskörperschaften oder Verbände) und Wirtschafts- und Sozialdaten (wie beispielsweise die Einkommensverteilung, die Schulabbrecherquote oder ökonomische Kennziffern wie Bruttoinlandsprodukt und Steuerkraft). Unter „Kultur“ werden nach dem hier verwendeten Begriffsverständnis nicht Kunst und Ästhetik, sondern Orientierungen (Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen) verstanden, anhand derer Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und bewerten. Aber auch Regelwerke, die das Miteinander ordnen, sind als kulturelle Faktoren anzusehen. Für eine angemessene Zustandsbeschreibung der Gesellschaft sind beide Faktoren unverzichtbar.

Die doppelte Sichtweise auf „Struktur“ und „Kultur“ erweist sich bei der Betrachtung des gegenwärtigen Zustands unserer Gesellschaft als eine hilfreiche ´Sehhilfe`. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist zum einen ein reales Ausmaß an sozialer Spaltung und sozialer Polarisierung, das sich strukturell in der unterschiedlichen Verteilung von Lebenslagen und Lebenschancen bemessen lässt und sich kulturell in unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen Lebensgefühlen (z.B. Depression und Unsicherheit versus Selbstbewusstsein und Zuversicht) niederschlägt. Zum anderen gibt es jedoch auch Kräfte, die in Richtung der Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts wirken. Strukturell gehören hierzu etwa die Sicherungssysteme der sozialstaatlichen Fürsorge und Vorsorge, kulturell etwa ein (in Deutschland traditionsreicher) Wille zu sozialpartnerschaftlicher Konfliktregelung oder die Bereitschaft zu freiwilligem bürgerschaftlichem Engagement. Eine zentrale Herausforderung für Akteure in Politik, Wirtschaft und im gesellschaftlichen Leben besteht darin, die auseinanderstrebenden Fliehkräfte von sozialer Erosion und sozialer Kohäsion zugunsten letzterer auszubalancieren.

In der nachstehenden 4-Felder-Matrix werden diese Wirkungszusammenhänge grafisch dargestellt:

Matrix zum sozialen Zusammenhalt

Welche Aufgaben übernimmt in diesem Themenfeld das Kompetenzzentrum soziale Innovation?

Im Themenfeld sozialer Zusammenhalt übernimmt das Kompetenzzentrum soziale Innovation die folgenden fünf Aufgaben:

  1.  die Aufbereitung einschlägiger Strukturdaten und das Verdeutlichen gesellschaftlicher Problemlagen, die sich in solchen Strukturen in Sachsen-Anhalt abbilden;

  2. die Aufbereitung einschlägiger Kulturdaten und das Verdeutlichen gesellschaftlicher Problemlagen, die sich in solchen datengestützten kulturellen Erscheinungsforme in Sachsen-Anhalt abbilden;

  3. das Aufzeigen langfristiger Trends strukturellen und kulturellen Wandels in Sachsen-Anhalts, einschließlich des interregionalen und bundesweiten Vergleichs;

  4. die  sozialräumliche Identifizierung von Faktoren, welche den sozialen Zusammenhalt hierzulande fördern oder hemmen;

  5. Anstöße geben für Maßnahmen und Initiativen zur Förderung des sozialen Zusammenhalts.

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Weiterführende Literatur

Dauderstadt, M, Keltek, C (2018): Kein Fortschritt beim sozialen Zusammenhalt in Europa. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. Hier zu lesen.

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